Fachtagung Auf dem Weg in die Arbeitswelt der Zukunft 08.11.2019

„Teilhabe ermöglichen auf dem Weg in eine Arbeitswelt der Zukunft“ war das Thema der Fachtagung im Kleisthaus in Berlin am 7. November mit rund 100 Gästen aus Politik, Wirtschaft und der beruflichen Rehabilitation. Eingeladen hatten das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke.

Neben den Themen Digitalisierung, Qualitätssicherung und Partizipation von Teilnehmenden stand die Weiterentwicklung der Berufsbildungswerke zu wirtschaftsnahen Ausbildungszentren im Vordergrund. Berufsbildungswerke leisten damit bis heute einen wichtigen Beitrag in einem immer inklusiver werdenden Arbeitsmarkt.

Dr. Rolf Schmachtenberg, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) betonte, dass die dynamischen Entwicklungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft in der Arbeitswelt zu tiefgreifenden Veränderungen führten. Daher müssten sich viele Berufsbilder und Tätigkeitsfelder anpassen und verlangten neue Qualifikations- und Anforderungsprofile. Nach wie vor gelte, dass eine gute Ausbildung und Qualifizierung eine wesentliche Voraussetzung für ein gelingendes und selbstbestimmtes Leben sei. Menschen mit besonderen physischen und psychischen Beeinträchtigungen benötigten dafür gezielte Hilfen und Unterstützung.

In den Beiträgen wurde deutlich, dass Berufsbildungswerke dies tun – individuell zugeschnitten, berufliche Kompetenzen fördern und vermitteln und als Chancengeber auch die gesamte Persönlichkeit bilden. Sie bieten Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine wesentliche Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. 

Die Qualität der BBW-Leistungen sei heute transparenter denn je. Darauf machte der Vorsitzende der BAG BBW, Tobias Schmidt, aufmerksam. Dazu hat die BAG BBW 2016 gemeinsam mit dem Institut der Wirtschaft (IW) in Köln ein Qualitätssicherungssystem aufgebaut, in dem die gemeinsam mit der BA-Zentrale vereinbarten Quoten, z.B. zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt, Verzahnte Ausbildungen oder Abbrüche etc. für alle 51 Standorte bundesweit erhoben und ausgewertet werden.

"Damit haben BBW eine hohe Transparenz hergestellt, um nicht nur gegenüber dem Reha-Träger, sondern vielmehr gegenüber ihren Kundinnen und Kunden, den Jugendlichen mit Behinderungen, glaubwürdig zu sein. Mit einer Vermittlungsquote auf den ersten Arbeitsmarkt von 45 Prozent sind wir überzeugende Chancengeber", betonte Tobias Schmidt. Das Benchmark der BBW werde sehr ernst genommen. Darauf aufsetzend seien die BBW seit über einem Jahr in einem gemeinsamen Benchlearning-Prozess. "Wir erleben dadurch auch eine kulturelle Veränderung, die uns als Qualitätsgemeinschaft gemeinsam voranbringt."

Berufsbildungswerke leisten etwas, das nicht in Zahlen messbar ist: Junge Menschen verlassen ein BBW mit einem gelebten Gefühl von Inklusion. Sie erfüllen daher eine zentrale Aufgabe auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft.
Richard Fischels, BMAS

Claudia Reif präsentierte die Perspektive einer der Leistungsträger der beruflichen Rehabilitation in Deutschland. „Berufsbildungswerke bieten hochwertige Berufsausbildungen, die junge Erwachsene für den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereiten“, so die Bereichsleiterin Rehabilitation der Bundesagentur für Arbeit. Als Einrichtung für Menschen mit besonderen Unterstützungsbedarfen gingen Berufsbildungswerke gezielt auf individuelle Bedarfe ein und handelten damit bedarfsgerecht im Sinne dieser Menschen.

Deswegen seien Berufsbildungswerke mit ihren Netzwerken vor Ort und in der Region ein wichtiger Partner, um mehr Menschen mit Behinderung in Beschäftigung zu bringen. Damit unterstützten Berufsbildungswerke auch die gemeinsame Initiative „Einstellung zählt – Arbeitgeber gewinnen“ von BMAS, BA, BDA und BIH. Diese Initiative hat zum Ziel, beschäftigungspflichtige Arbeitgeber, die aus den unterschiedlichsten Gründen keinen schwerbehinderten Menschen beschäftigen, für die Belange dieses Personenkreises zu sensibilisieren und Beschäftigungsmöglichkeiten zu erschließen.

Wie Inklusion und dauerhafte Teilhabe von Menschen mit Behinderung durch Digitalisierung beeinflusst wird, zeigte Dr. Julia Borggräfe, Abteilungsleiterin Digitalisierung der Arbeitswelt im BMAS. Die Digitalisierung der Gesellschaft und speziell des Arbeitsmarktes werde langfristig die Wechselwirkung von Fähigkeiten und Beeinträchtigungen der Menschen positiv beeinflussen. Intelligente Unterstützungssysteme, künstliche Intelligenzen und die fortschreitende Forschung in der Bionik öffneten gerade Menschen mit Behinderungen neue Wege auf dem Arbeitsmarkt und in der beruflichen Ausbildung.

Die Jugendlichen sehen die Berufsausbildung in einem BBW als Eintrittskarte in ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben.
Frank Paratsch, BBW Neckargemünd

Frank Paratsch, Geschäftsführer des SRH Berufsbildungswerk Neckargmünd, betonte, dass für viele Jugendliche die Berufsausbildung in einem BBW eine wichtige Eintrittskarte in ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben ist. BBW seien ein sicherer sozialer Ort zur persönlichen Entwicklung von jungen Erwachsenen mit und ohne Beeinträchtigungen. Immer mehr Jugendliche ohne einen Reha-Status, die Schwierigkeiten mit dem erfolgreichen Abschluss einer Berufsausbildung haben, würden viel stärker von den beruflichen Angeboten der Berufsbildungswerke profitieren können, wenn ihnen der Zugang ins BBW erleichtert werden würde. Über neue Wege und Angebote für diese Jugendlichen von Berufsbildugswerken werde die BAG BBW mit verschiedenen Akteuren und der Bundesagentur für Arbeit künftig beraten, kündigte Paratsch an.

Zum Thema Partizipation in Berufsbildungswerken berichteten Hanna Uck und Fynn Urban von der Teilnehmendenvertretung des BBW Husum von ihren Erfahrungen als Auszubildende in einem Berufsbildungswerk und ihren Möglichkeiten des Mitgestaltens. Danach betonte Normen Ramus, Teilnehmendenvertreter des BBW Stuttgart, wie wichtig es für das Thema Inklusion und den Erfolg der beruflichen Ausbildung sei, die Teilnehmenden in die vielen verschiedenen Abläufe des Berufsbildungswerkes stets einzubinden. Dadurch, so waren sich die Teilnehmendenvertreter einig, würden beide Seiten langfristig profitieren und Inklusion und Demokratie wirklich gelebt.

Die Zukunft der Berufsbildungswerke

In einer spannenden Podiumsdiskussion diskutierten Richard Fischels, Unterabteilungsleiter Prävention, Rehabilitation und Behindertenpolitik im BMAS, Claudia Reif, Bereichsleiterin Rehabilitation der Bundesagentur für Arbeit, Tobias Schmidt, Vorsitzender BAG BBW und Normen Ramus, Teilnehmdenvertretung Berufsbildungswerk Stuttgart, über die Entwicklung der Berufsbildungswerke in den vergangenen Jahren.

Von Seiten des BMAS und der BA gab es deutliches Lob für die Entwicklung, die die Berufsbildungswerke genommen haben. Die Qualität der Leistungen sei in vielen Bereichen gestiegen und auch die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Organisationsentwicklung habe zu einem sehr guten Ergebnis geführt. Ziel sei es, die gute gemeinsame Arbeit fortzusetzen und dadurch vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Beeinträchtigungen weiterhin eine vielversprechende berufliche Zukunft und ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Diskutiert wurde der Vorschlag zur Entwicklung neuer Angebote für entkoppelte Jugendliche, die keinen Reha-Status haben. „Wir möchten in Modellvorhaben neue Förderwege erproben, um auf sich verändernde Zielgruppen einzugehen, die aufgrund multipler sozialer Beeinträchtigungen von kurzfristigen Standardmaßnahmen nicht mehr erreicht werden“, so Tobias Schmidt, Vorsitzender der BAG BBW.“

Richard Fischels schlug zum Abschluss der Diskussion die Einrichtung eines "BBW-Reha-Think Tank" mit Vertretern der BAG BBW, der Wirtschaft und Wissenschaft vor, um sich zu grundlegenden gesellschaftlichen Entwicklungen und der Rolle von Berufsbildungswerken in der Zukunft zu positionieren.

Zum Abschluss betonte Tanja Ergin, Geschäftsführerin der BAG BBW, dass Berufsbildungswerke mit Einführung der UN-Behindertenrechtskonvention erfolgreich umgesteuert seien. Gestartet meist vor vielen Jahrzehnten als außerbetriebliche Ausbildungsstätten seien sie heute wirtschaftsnahe Ausbildungspartner in ihrer Region in einem weit agilen Netzwerk. Inklusion und Partizipation würden im BBW heute gelebt, ebenso gehöre eine moderne, ICF-basierte Bedarfsermittlung zum Standard.

Ihr Fazit: "BBW haben sich verändert. Und sie müssen noch besser werden. Es gilt, das Versprechen von betriebsnahen Ausbildungen mit einer hohen Anschlussfähigkeit an den ersten Arbeitsmarkt an allen 51 BBW-Standorten einzulösen. Daran werden wir als BAG BBW weiter arbeiten."

Bildnachweis

Für die Fotos in der Bildergalerie: © BAG BBW |  Melanie Wehnert (Fotografin)